“In Notlagen waren wir immer zur Stelle”

In der Coronazeit verzeichnete „alt – arm – allein“ mehr Anrufe als sonst. Die Einsamkeit vieler älterer Bürger ist spürbar geworden. „Wir versuchen, der Einsamkeit entgegenzusteuern“, sagt Sozialarbeiterin Sabine Paulus. Ein Anruf aus Hannover überraschte die Kaiserslauterer Altenhilfe und erfreute sie gleichzeitig.


Von Joachim Schwitalla

 
„Wo und wann immer es möglich ist, sind wir bereit zu helfen.“ Ein Grund für Werner Stumpf, den Vorsitzenden der Kaiserslauterer Altenhilfe „alt − arm − allein“, auch in schwieriger Zeit erreichbar zu sein. Zuerst habe man gedacht, China und Italien seien weit weg. Doch mit dem ersten Lockdown Mitte März habe auch die Geschäftsstelle von „alt − arm − allein“ in der Kennelstraße wegen Corona vorübergehend schließen müssen. Wohlwissend, dass ältere und alleinstehende Menschen mit der Situation überfordert seien und ihre Einsamkeit größer werde. Auch wenn die Geschäftsstelle zeitlich geschlossen blieb, seien Mitarbeiter telefonisch immer erreichbar gewesen, lässt Stumpf die Zeit Revue passieren.

Nicht einfach sei die Arbeit für Ehrenamtliche des Besuchskreises in der Coronazeit. Denn ein Großteil der 60 Ehrenamtlichen, die regelmäßig für ältere Menschen einkaufen und Dienste übernehmen, gehören selbst zur Risikogruppe. So habe sich der Vorstand zu Beginn der Pandemie viele Gedanken gemacht, wie die Arbeit von „alt − arm − allein“ auch in schwieriger Zeit weitergehen kann. „Auf einige Programmpunkte, die für Betreute Höhepunkte im Jahr darstellen, mussten wir schweren Herzens verzichten: Das Waldfest der Zuversicht, der Ausflug zur Kneispermühle, ein Benefizkonzert der Bundeswehr und das traditionelle Weihnachtsessen im Restaurant Julien mussten gestrichen werden“, so der Vorsitzende der Initiative.

Umso mehr habe sich der Verein über das Angebot des Spitzenkochs Peter Scharff gefreut, der im PRE-Park eine Kochschule betreibt. Zusammen mit seiner Ehefrau Claudia hat er im Monat Mai 25 von der Altenhilfe betreuten Personen einen „kulinarischen Wonnemonat“ beschert. An zwei Tagen der Woche habe er kostenlos für sie gekocht. „In einer eher bedrückenden Zeit ein unverhofftes und schönes Erlebnis“, so Stumpf.

„Die Älteren sind weniger unterwegs“

Trotz Einschränkungen in der Krise handlungsfähig zu sein, das lag auch Hans-Joachim Schulz, dem stellvertretenden Vorsitzenden der Altenhilfe „alt − arm − allein“, am Herzen. Ihm war es ein Anliegen, die Geschäftsstelle des Vereins im Mehrgenerationenhaus in der Kennelstraße 7 mit den erforderlichen Hygienestandards auszustatten. Dazu gehörten Infoaushänge, Desinfektionsmittel, Wegemarkierungen und Spukschutz. Da in der Geschäftsstelle auch Fahrkarten an Berechtigte aus dem Stadt- und Landkreis Kaiserslautern ausgegeben werden, seien die Schutzmaßnahmen für den Publikumsverkehr erforderlich gewesen. Aufgefallen ist Schulz, dass in den vergangenen Monaten weniger Fahrkarten abgeholt wurden. „Die Älteren passen auf sich auf und sind weniger unterwegs.“

Eingebracht hat sich der Kassenwart auch, damit die Mitarbeiter der Altenhilfe ihre Arbeit im Homeoffice verrichten konnten und sie von zu Hause Zugriff auf Daten hatten. Weit mehr als sonst hätten Menschen die Geschäftsstelle von „alt − arm − allein“ angerufen. Die Einsamkeit vieler älterer Bürger sei spürbar gewesen, und „manche Not ist leise und traut sich nicht zu melden“, spricht der ehemalige Leiter des Caritas-Sekretariats Kaiserslautern aus Erfahrung. „Auch wenn Hilfen bezüglich Einsamkeit eingeschränkt waren, in Notlagen waren wir immer zur Stelle.“ Nicht vernachlässigen durfte Schulz Tagesgeschäfte wie Rechnungen zu prüfen, Überweisungen zu tätigen und sich der Personalplanung anzunehmen.

„alt − arm − allein“ hat sich herumgesprochen

Seit sechs Jahren leitet Sabine Paulus die Geschäftsstelle der Altenhilfe „alt − arm − allein“. Als Sozialarbeiterin kennt sie sich in der Sozialberatung und der Hilfeplanung aus. Im Kontakt mit Betreuten ist sie bestrebt, in schwierigen finanziellen Situationen eine Lösung zu finden. Wichtig für ihre Arbeit sei es, präsent zu sein. Doch das sei in dieser Zeit unter Beachtung von Sicherheitsauflagen nicht immer einfach. Wenn es um die Einhaltung von Fristen gehe, sei der persönliche Kontakt zu betreuten Personen ohne Hausbesuche nicht möglich. In ihrer täglichen Arbeit begegnet Paulus vielen alleinstehenden Menschen. Schwierig sei es, Menschen aus ihrer Einsamkeit zu holen. Denn Einsamkeit sei ein schleichender Prozess. Einsamkeit könne sehr gefährlich sein, berichtet sie von einer alleinlebenden Person, deren Tod zu Hause erst 14 Tage später entdeckt worden sei. „Wir versuchen, der Einsamkeit entgegenzusteuern.“ Dank einer guten Organisation der Geschäftsstelle erhalten jährlich annähernd 600 bei der Altenhilfe erfasste Personen zu ihrem Geburtstag eine persönlich gehaltene Glückwunschkarte.

Sabine Paulus in der Geschäftsstelle zur Seite steht Ute Zerger. Seit drei Jahren leistet Zerger der Altenhilfe gute Dienste. Nach fast vier Jahrzehnten ihrer Arbeit in einer Anwaltskanzlei wollte sie sich mit einer sozialen Tätigkeit einbringen. Die hat sie bei „alt − arm − allein“ gefunden. „Ein Glücksfall, hier fühle ich mich wohl.“ Zerger ist diejenige, die Erstanrufer entgegennimmt. In der Coronazeit seien es viele Leute, die etwas spenden wollen. „Die Leute haben Zeit aufzuräumen und wissen nicht wohin mit den Gegenständen“, verweist sie auf Kleider, Möbel und Hausrat. Gleichzeitig hat sie festgestellt, dass Anrufer Redebedarf haben, erzählen möchten und sich nach Hilfsangeboten erkundigen. Menschen zuhören, sei ein großer Teil ihrer Arbeit. Längst kämen die Anrufe nicht nur aus der Region. Jüngst habe sich ein Anrufer aus Hannover gemeldet und sich erkundigt, ob es eine Altenhilfe wie die in Kaiserslautern auch in Hannover gebe. „alt − arm − allein“ habe sich herumgesprochen, freut sich Zerger. Mehr als in den Vorjahren werde die Weihnachtszeit insbesondere ältere Menschen emotional berühren. Zerger: „Der Rede- und Gesprächsbedarf wird steigen.“

Persönliche Kontakte zu kurz gekommen

Ein wichtiges Instrument zur Betreuung der Klienten von „alt − arm − allein“ ist der Besuchskreis. Ihm gehören annähernd 60 Ehrenamtliche an, die alten Menschen in der Stadt und im Landkreis Kaiserslautern in regelmäßigen Abständen helfend zur Seite stehen. Koordiniert wird der Besuchskreis von Marita Gies und Elisabeth Dressing. Zu ihren Aufgaben gehört es beispielsweise, Ehrenamtliche zu betreuenden Personen zuzuordnen. „Zwischen beiden muss die Chemie stimmen“, weiß Dressing. Bis Anfang des Jahres waren es monatlich stattfindende Treffen in der Geschäftsstelle, bei denen gemeinsam überlegt wurde, was an Hilfen und Unterstützung für Betroffene notwendig ist. Gleichzeitig dienen die Treffen Ehrenamtlichen zur gegenseitigen Aussprache und zur Weiterbildung im Umgang mit älteren Menschen. „Wir laden Fachleute aus Medizin, Polizei, und Seniorenheimen ein, die uns in Vorträgen über Bedürfnisse von Senioren informieren“, so Gies. Für die Ehrenamtlichen sind die Beiträge zu Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht, zu Geriatrie, Demenzerkrankungen und Schutz vor Kriminalität eine große Hilfe bei ihrem Einsatz vor Ort. In der Coronazeit habe der Besuchskreis weniger getagt, bedauert Gies. Auch hätten Ehrenamtliche nicht einfach losgeschickt werden können, da diese selbst oft einer Risikogruppe angehören.

Weil alle Ehrenamtliche mit Herz bei der Arbeit seien, sei dennoch kein Betreuter alleine gelassen worden. Ehrenamtliche hätten sich telefonisch mit den betreuten Personen abgestimmt. Einkäufe seien unter Umständen vor der Haustür abgestellt worden. Leider seien persönliche Kontakte in den letzten Monaten zu kurz gekommen, berichtet Dressing. „Social Distance“ habe die Einsamkeit älterer und alleinstehender Menschen begünstigt. Da ist die ältere Dame, die Verlangen nach ihrem Sohn hat und ihn nicht bewegen kann, sie zu besuchen. Oder die Ehefrau, die sich aufgeopfert hat, ihren 91-jährigen dementen Mann zu pflegen und nach dessen Tod in ein seelisches Loch gefallen ist und jetzt umso mehr die Einsamkeit zu spüren bekommt. Aber auch das Ausfüllen von Anträgen auf Grundsicherung wird von Dressing übernommen, wenn der Antragsteller dazu nicht in der Lage ist. „Ich hatte versprochen, ihm zu helfen.“

Wenn Marita Gies und Elisabeth Dressing über die Arbeit von „alt − arm − allein“ nachdenken, sprechen sie von einem Segen für ältere Menschen. Wenn es die Einrichtung, die 1997 von der RHEINPFALZ, der Apostelkirche und St. Maria aus der Taufe gehoben wurde, nicht gäbe, müsste man sie erfinden, so die beiden Besuchskreiskoordinatorinnen.

Helfen und Deutsch lernen

Annemarie Kaufmann und Ahmet Parlak sind zwei der vielen Ehrenamtlichen, die sich regelmäßig um eine ihnen zugeteilte Person kümmern. Seit vielen Jahren gehört Annemarie Kaufmann zum Kreis der Ehrenamtlichen. Sie weiß, wie schwierig es ist, alleine und ohne Ansprechpartner zu leben. Einmal im Monat nimmt sie sich die Zeit, für eine alleinstehende ältere Dame einzukaufen. „Die Frau kann nicht schwer tragen und schlecht Treppen gehen, geschweige denn einen Einkaufswagen schieben.“ Sie sei auf Hilfe angewiesen, gleichwohl sie sich im Haushalt noch selbst versorgt und kleine Gerichte zubereitet. Mit ihr steht Kaufmann telefonisch in Kontakt. „Die Dame weiß, dass sie mich jederzeit anrufen kann.“ Und wenn es ihr die Zeit erlaubt, greift die Ehrenamtliche zum Strickzeug und strickt Socken für „alt − arm − allein“.

Ahmet Parlak stammt aus der Türkei. Seit zwei Jahren lebt er mit seiner Familie in Kaiserslautern. Seine Deutschkenntnisse, die er sich innerhalb kurzer Zeit angeeignet hat, sind beachtlich. Dazu trägt ein Online-Kurs mit bei, an dem er im Rahmen eines Programms der Hochschule Kaiserslautern regelmäßig teilnimmt. „Wenn ich helfen kann, kann ich auch etwas dabei lernen“, sagte sich der 41-jährige Vater von zwei Kindern. Als er im vergangenen Jahr auf der Geschäftsstelle von „alt − arm − allein“ vorgesprochen hat, seien Marita Gies und Elisabeth Dressing sehr hilfsbereit gewesen.

Seit dieser Zeit besucht Parlak regelmäßig eine ältere Dame. Er kauft für sie ein und hört ihr zu. „Sie will immer erzählen.“ Im vergangenen Jahr hat er die Dame an Weihnachten mit seiner Familie besucht und ihr ein kleines Geschenk mitgebracht. Wenn notwendig, erledigt er der Seniorin kleine Reparaturen im Haushalt. „Die Dame ist sehr einsam und freut sich über jeden Besuch.“ Doch Besuche seien in der Coronazeit weniger geworden, bedauert er.

Sie helfen auf unterschiedliche Art und Weise: (von links) Sabine Paulus, Annemarie Kaufmann, Ute Zerger, Elisabeth Dressing, Hans-Joachim Schulz, Ahmet Parlak, Werner Stumpf.

Quelle: DIE RHEINPFALZ, Pfälzische Volkszeitung, Ausgabe vom 21. November
Bild: view – die agentur, Kaiserslautern

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